Die Burg von Castiglioncello di Bolgheri thront über der Küstenebene und bietet einen weiten Blick bis zum Tyrrhenischen Meer – eine eindrucksvolle Kulisse für die Weinlandschaft von Bolgheri.
Bolgheri-Ikonen – das große Jahr des Charmes und der Verführung
Giuseppe Lauria, März 2026
Die Leuchttürme liefern
Die Leuchttürme Sassicaia und Ornellaia glänzen eindrucksvoll. Beide Weine, die maßgeblich zum Weltruf italienischer Spitzenweine beigetragen haben, zeigen sich in außergewöhnlicher Verfassung. Bemerkenswert ist dies vor allem vor dem Hintergrund eines nicht einfachen Vegetationsverlaufs: Das Frühjahr brachte reichliche Regenfälle, die zwar halfen, die Wasserreserven für den Sommer aufzufüllen, jedoch mit Blick auf Peronospora auch sorgfältige Arbeit im Weinberg erforderten. Ein Jahrgang, der präzise Entscheidungen im Weinberg voraussetzte, wie Carlo Paoli, der langjährige Direktor von Tenuta San Guido, mir sagte. Er sieht ihn sogar auf Augenhöhe mit dem ikonischen 2021er. Auch wenn er sich stilistisch anders präsentiert, ist der 2023er zweifellos eine betörende Sassicaia-Oper und erreicht mit 99/100 Punkten das Niveau der Jahrgänge 2016 und 2021. Das Potenzial des Sassicaia ist enorm: Mit aktuell 99/100 Punkten bewertet, dürfte seine weitere Entwicklung mit großer Spannung zu verfolgen sein – ein Aufstieg auf 100/100 erscheint durchaus im Bereich des Möglichen.
Auch bei Ornellaia zeigt man sich mit dem Jahrgang 2023 äußerst zufrieden. Marco Balsimelli hebt im Interview mit mir insbesondere die Bedeutung der späten Vegetationsphase hervor: „Die Regenfälle Ende August und die kühlen Nächte im September haben die Entwicklung der aromatischen Komplexität begünstigt und zugleich eine präzise Säure in den Trauben bewahrt.“ Und tatsächlich: Der 2023er Ornellaia präsentiert sich als von Finesse und Eleganz geprägter Supertuscan mit bemerkenswerter Strahlkraft, den ich mit 98/100 Punkten bewertet habe.
Der Jahrgang wird vielfach als charmant und wolllüstig beschrieben – greift damit aber zu kurz. Er besitzt deutlich mehr Substanz und Tiefe: Vielleicht nicht die gewaltige Vibration eines 2021ers, doch neben seinem betörenden Charme zeigt er eine bemerkenswert klare mineralische Linie, die an 2016 und 2021 erinnert. In gewisser Weise wirkt er – trotz unterschiedlicher Bedingungen – als eine Art hypothetischen Blend aus 2021, 2016 und 2020. “Mit diesem Vergleich können wir sehr gut leben”, zeigt sich Balsimelli erfreut. Auch beim 2023er Ornellaia – wie beim Weingut insgesamt nach einigen personellen Veränderungen – bleibt die weitere Entwicklung besonders spannend. Auf die Frage, welchen stilistischen Stempel er dem Ornellaia künftig aufdrücken möchte, erklärt Marco Balsimelli: „Ich möchte noch stärker die DNA von Ornellaia herausarbeiten."
Tenuta Ornellaia
Eine überzeugende Feuertaufe für den neuen Ornellaia-Direktor Marco Balsimelli: Der Jahrgang 2023 ist der erste, den er vollständig in Eigenregie verantwortet.
Im exklusiven Gespräch schildert er einen insgesamt anspruchsvollen, zugleich aber sehr ausgewogenen Vegetationsverlauf. Ein feuchtes Frühjahr mit reichlichen Niederschlägen füllte die Wasserreserven für den Sommer, erforderte jedoch intensive Arbeit im Weinberg. Der Sommer zwar warm und trocken, aber ohne extreme Hitzephasen. Vereinzelte Niederschläge verhinderten Wasserstress und ermöglichten eine gleichmäßige, sukzessive Reife der Trauben mit entsprechend hoher Konzentration. Mit Blick auf die Herausforderungen des feuchten Frühjahres sagte Balsimelli, der zuvor jahrelang im Team von Éric Boissenot tätig war, mit einem Augenzwinkern: „Wenn man lange in Bordeaux gearbeitet hat, kennt man sich damit aus“ – ein Verweis auf das dortige atlantische Klima mit häufig feuchten Frühjahren.
„Die Regenfälle Ende August und die kühlen Nächte im September haben die aromatische Komplexität und die phenolische Reife gefördert und zugleich eine präzise Säure bewahrt – ein sehr stimmiges Gleichgewicht zwischen Ausdruckskraft und Eleganz“, fasst Balsimelli zusammen.
Diese Bedingungen führten zu einem Jahrgang, der Kraft und Finesse in bemerkenswerter Balance vereint und nicht zufällig den Beinamen „La Vitalità“ trägt. Der Alkoholgehalt liegt bei 14,5 Vol.-%, der pH-Wert bei 3,62; die Erntemengen bewegten sich im Durchschnitt. Der 2023er Ornellaia zeigt sich als Supertuscan von Finesse und Eleganz mit klarer Strahlkraft.
Tenuta San Guido
Auch Carlo Paoli, der langjährige Direktor von Tenuta San Guido, stuft ihn auf Augenhöhe mit dem ikonischen 2021er-Wein. „Das war aber nur möglich, wenn man mit Blick auf die Peronospora im Frühjahr die richtigen Entscheidungen im Weinberg getroffen hat und bei der Lese rigoros ausselektiert hat.“ So musste das Weinbergsteam etwa 20% der Trauben entfernen. Auch die Hitzewelle ab Juli wurde in der küstennahen Region deutlich abgemildert. Ende August kam dann der ersehnte Temperatursturz mit einigen erfrischenden Regenschauern, die dem ins Stocken geratenen Wachstumsprozess einen vitalen Schwung gab.
Die Lese zeichnete sich durch eine ruhige, sonnige und vor allem stabile lange Erntephase aus und mündete mit vielen der so wichtigen kühlen Nächte, um die Frische im Wein zu erhalten, ohne die Aromatik einzuschränken. Eine eher späte Ernte mit kleinen Beeren und mit dicken Schalen aus der Hitzephase im Sommer ergab ein absolut gesundes Lesegut mit sehr guter Reife und einer enormen Frucht- und Aromenkonzentration.
Der 2023er Sassicaia zeigt sich ungewöhnlich offen, charmant und verführerisch, mit einem deutlich expressiveren Profil als klassisch straff strukturierte Jahrgänge wie 2013, 2016 oder 2021 – eine regelrechte hedonistische Oper mit komplexem Orchester. Gleichzeitig wirkt er wie eine feinere und präzisere Interpretation der Stile von 2015 und 2019, wobei eine lebendige Säure und eine delikate Salzigkeit einen animierenden Kontrapunkt setzen.
Spannende Symbiose aus Hedonismus und Tiefe
Beide Weine sind von außergewöhnlicher Güte. Ich war überrascht, weil der Jahrgang durchaus herausfordernd war mit dem Peronospora-Druck im Frühjahr. Der Jahrgang wird überwiegend als charmant und wolllüstig beschrieben.
Er ist aber noch viel mehr. Nicht so gewaltig vibrierend wie 2021, aber 2023 hat neben seinem schier entzückenden Charme und Hedonismus ein mineralisches Fundament, das ich zuletzt bei den 2016er und 2021er in dieser Klarheit wahrgenommen habe! Die Weine sind wie eine herzliche Umarmung, behalten dabei aber Stil und Etikette. Neben der expressiven Frucht und dem verführerischen Schmelz, haben sie auch eine animierende Frische und Länge, die der Frucht und dem Schmelz klare Konturen gibt.
Ausführliche Verkostungsnotizen dieser konträren Ikonen sowie weitere Details finden Sie in der Datenbank.
Immer wieder spannend, diese beiden stilistisch durchaus konträren Leuchttürme nebeneinander zu verkosten. Beide zeigen im Jahrgang 2023 auf ihre ganz eigene Art Größe und liefern Weine von herausragender Qualität. Die ausführlichen Notizen finden Sie in der Datenbank!
Der Jahrgangsverlauf im Überblick
Der Jahrgang 2023 war von einem insgesamt ausgewogenen Witterungsverlauf geprägt. Regelmäßige und gut verteilte Niederschläge im Frühjahr und Frühsommer sicherten eine ausreichende Wasserversorgung der Böden. Bereits der vorangegangene Herbst verlief ungewöhnlich warm, der Winter blieb insgesamt mild, mit seiner kältesten Phase zwischen Ende Dezember und Mitte Februar.
Die milden Bedingungen führten zu einem frühen und gleichmäßigen Austrieb ab dem 20. März. Niederschläge während Blüte und Fruchtansatz erhöhten den Peronospora-Druck, erforderten intensive Weinbergsarbeit und führten zu leicht reduzierten Erträgen. Gleichzeitig begünstigten sie lockerbeerige, gut ausgebildete Trauben mit geringerer Dichte.
Der Sommer verlief ohne extreme Ausschläge: Hohe Temperaturen im Juli wurden durch ausreichende Wasserreserven und eine gute Laubwanddurchlüftung abgefedert. Im August sorgte ein Wechsel aus warmen Phasen und Niederschlägen atlantischen Ursprungs für eine verlangsamte Reife, was sich positiv auf eine besonders harmonische phenolische Entwicklung auswirkte.