Der imposante Rüdesheimer Berg Schlossberg: Aus dieser extrem steilen Spitzenlage bringt Peter Bernhard Kühn in 2024 und 2025 einen außergewöhnlichen Wein hervor – der Rüdesheimer Berg Schlossberg Riesling GG steht für enorme Tiefe, Dichte und Spannung. Bild: VDP
Best of Rheingau: Tradition mit neuer Präzision und klarer Herkunft - das Spitzenfeld wird breiter
von Giuseppe Lauria, September 2026
Der traditionsreiche Rheingau zeigt sich 2025 facettenreich – und zugleich so präzise und herkunftsbetont wie selten zuvor. Zwischen Hochheim und Lorch treffen unterschiedlichste Terroirs, Expositionen und Stilrichtungen aufeinander. Die besten Weine bringen diese Unterschiede immer klarer zum Ausdruck und verbinden die große Tradition der Region mit einer neuen, eigenständigen Präzision und stärkeren Herkunftsbetonung. An der Spitze kristallisiert sich ein erstaunlich klares Bild heraus: Die besten Weine besitzen Reife und Substanz, wirken aber keineswegs schwer. Sie zeigen Eleganz, kühle Würze und innere Spannung, getragen von einer präsenten, zugleich reifen und bestens integrierten Säure.
Vielleicht ist der Jahrgang im Rheingau nicht ganz so homogen wie in einigen anderen deutschen Anbaugebieten. Doch an der Spitze wird es richtig spannend: Hier finden sich einige Weine von Weltklasseformat. Und obwohl die historische Prestigeregion gerne pauschal als ein Gebiet gescholten wird, das sich auf seinen Lorbeeren ausruht, zeigt sich bei genauerem Hinsehen ein anderes Bild: Neben dem großen historischen Erbe gibt es Substanz, Dynamik und eine bemerkenswerte Weiterentwicklung. Klar, manche spielen noch immer mit der Restsüße und der alten, längst überkommenen Formel von Zucker und Säure in gleichen Teilen. Doch wer in die Spitzenklasse will, muss heute deutlich weiterdenken: Die besten Rheingauer definieren sich zunehmend über trockene Rieslinge, die das Attribut auch verdienen, über Herkunft, Präzision und mineralische Spannung – und genau hier zeigt sich, wie viel Potenzial der Rheingau tatsächlich besitzt.
Hinzu kommt eine Besonderheit bei der Verkostung: Viele der Rheingauer GGs stammen noch aus dem Jahrgang 2024, was den direkten Vergleich mit den 2025ern naturgemäß etwas erschwert – aber keineswegs unmöglich macht. Zudem sind einige VDP-Betriebe der offiziellen Präsentation ferngeblieben. Diese Weingüter habe ich jedoch gezielt besucht und ihre Weine vor Ort verkostet. Denn gerade für meine geschätzten Abonnenten und Leser möchte ich ein möglichst vollständiges Bild des Jahrgangs zeichnen – und dazu gehört selbstverständlich auch, jene Betriebe einzubeziehen, die bei der offiziellen Präsentation nicht vertreten waren.
Das Spitzenfeld wird größer
Besonders deutlich wird das bei den Spitzenbetrieben, die den Rheingau derzeit prägen. Peter Jakob Kühn, Robert Weil, Georg Breuer, Schloss Johannisberg, Prinz, Eva Fricke, Spreitzer, Corvers-Kauter, Mark Barth und von Oetinger stehen exemplarisch für eine neue Präzision, die Herkunft und Eigenständigkeit wieder stärker in den Mittelpunkt rückt. Doch auch darüber hinaus wird an den Qualitätsschrauben gedreht. Viele Betriebe machen sich zunehmend zum Ziel, die Unterschiede zwischen den einzelnen Lagen herauszuarbeiten.
Ganz oben steht für mich inzwischen Peter Jakob Kühn. Vor gut zehn Jahren haben wir ihn im Gault Millau zum „Winzer des Jahres“ gekürt. Unter der Ägide von Sohn Peter Bernhard sind die Weine seither noch feiner, präziser und engmaschiger geworden, ohne an Substanz, Tiefe und Länge zu verlieren. Seine Kollektion gehört erneut zu den beeindruckendsten des Jahrgangs: Jede Lage besitzt ihren eigenen Charakter, jeder Wein erzählt von seiner Herkunft. Die einst stilprägenden langen Maischestandzeiten spielen inzwischen keine Rolle mehr. Stattdessen geht es um Klarheit, Tiefe und die möglichst unverfälschte Darstellung von Terroir und Jahrgang.
Gekrönt wird das inzwischen erweiterte, zugleich aber gestraffte Portfolio von einem einmal mehr sensationellen Schlossberg. Nachdem ich den 2024er bereits mit 98+/100 Punkten bewertet hatte und diese Einschätzung bei der Nachverkostung exakt bestätigt wurde, sehe ich den 2025er sogar noch einen Tick darüber (99–100/100). Die Fassprobe zeigt bereits enorme Tiefe, Dichte und Spannung. Sollte sich der Wein in der Flasche entsprechend entwickeln, könnte dies tatsächlich der erste trockene Rheingauer Riesling sein, dem ich 100 Punkte gebe – und das nach fast 20 Jahren Weinbewertung.
Unter der Ägide von Sohn Peter Bernhard steht das Rheingauer Weingut heute für noch mehr Präzision, Klarheit und eine konsequente Interpretation von Herkunft und Terroir.
Auch Wilhelm Weil geht als Gallionsfigur des Rheingaus weiter voran, inzwischen unterstützt von seinen Kindern Marie-Charlotte und Robert. Mit Turmberg und Gräfenberg, Monte Nostrum, Monte Vacano und einer Phalanx herausragender edelsüßer Rieslinge ist Weil nach wie vor im Olymp der besten deutschen Winzer positioniert.
Besonders eindrucksvoll ist, wie konsequent die Weine mit den Jahren an Tiefe und Komplexität gewinnen.
Das Weingut Weil steht wie kaum ein anderes für die große Tradition des Rheingaus – und zeigt zugleich eindrucksvoll, wie viel Tiefe, Komplexität und Herkunft in seinen Weinen steckt.
Eine kürzlich verkostete Vertikale des Monte Vacano hat einmal mehr gezeigt, wie langsam die Weine von Weil reifen. Selbst der bereits gereifte 2018er stand noch strahlend und jugendlich da – im Grunde noch ein Baby. Hier wird Geduld mit größerer aromatischer Tiefe belohnt. Ganz zu schweigen vom sensationellen, frischen 1937er und 1949er Kiedricher Gräfenberg Riesling trocken, der damals noch unter „Cabinet“ firmierte. Auch innerhalb der aktuellen Kollektion sind die Herkunftsunterschiede bemerkenswert klar herausgearbeitet. Bereits der Ortswein zeigt Saftigkeit, Tiefe und Kiedricher Herkunft. Besonders spannend ist die Entwicklung von Turmberg und Gräfenberg, deren Unterschiede sich durch die gesamte Kollektion ziehen und selbst bei den edelsüßen Weinen klar zutage treten.
Majestätisch präsentiert sich der Monte Vacano – Riesling in Haute-Couture-Qualität. Er besitzt große Tiefe, bleibt dabei aber elegant und spannungsvoll und beeindruckt mit seiner enormen Länge.
Auch den Monte Nostrum, der aus dem steilsten und kühlsten Stück oberhalb des Gräfenbergs wächst, habe ich noch nie so hoch bewertet. Und die edelsüße Kollektion lässt kaum Wünsche offen.