Der Schlossberg von Sebastian Fürst steht für die Verbindung von fränkischer Herkunft, kühler Finesse und mineralischer Präzision – ein Spätburgunder mit eigenständigem Lagencharakter und großem Format. Bild: Weingut Fürst

Rote und weiße Burgunder: Mehr Herkunft wagen

Giuseppe Lauria, Oktober 2026

Deutschlands große Burgunder emanzipieren sich. Die besten Spätburgunder und weißen Burgunder überzeugen nicht durch die möglichst perfekte Kopie internationaler Vorbilder, sondern durch Herkunft, Präzision und eine unverwechselbare Handschrift. Auch die bisweilen überbordenden Reduktionsnoten, die ein Kollege einmal als „postmoderne Schminke“ bezeichnete, treten zunehmend in den Hintergrund.

Die Spätburgunder des Jahrgangs 2024 präsentieren sich mit kühler Finesse, feiner Pinot-Frucht und präziser Struktur. Die besten Weine verbinden reife Frucht und Tiefe mit Frische und einem tragenden, teilweise noch fest verwobenen Tanningerüst. Besonders eindrucksvoll ist die stilistische Vielfalt: Rudolf Fürst zeigt in Franken eine außergewöhnliche Dimension von Finesse und seidiger Textur, während Rings in der Pfalz mit mineralischer Spannung und erdigem Charakter überzeugt. Christmann steht für Eleganz und spielerische Leichtigkeit, Friedrich Becker für Tiefe, Stringenz und ein Tanningerüst, das Zeit verlangt.

Doch die entscheidende Frage reicht über die Qualität einzelner Weine hinaus: Wie gelingt es, dem deutschen Spätburgunder ein unverwechselbares Profil zu geben? Noch wird er in der öffentlichen Wahrnehmung häufig zu generisch betrachtet. Dabei liegt gerade in der Differenzierung nach Regionen, Untergebieten und Einzellagen enormes Potenzial.

Wie im Burgund sollte es darum gehen, nicht nur die Rebsorte zu kommunizieren, sondern den fränkischen, pfälzischen, badischen oder rheingauischen Spätburgunder – geprägt von Klima, Böden und den charakteristischen Bedingungen seiner Herkunft. Diese Identität gilt es herauszuarbeiten und kommunikativ konsequent zu begleiten: vom regionalen Profil bis zur unverwechselbaren Handschrift einzelner Lagen.

Rudolf Fürst: Franken an der Spitze

Wie überzeugend dieser Ansatz im Jahrgang 2024 gelingen kann, zeigt Sebastian Fürst vom Weingut Rudolf Fürst. Seine drei Spitzenweine aus Bürgstadt und Klingenberg – Hundsrück, Centgrafenberg und Schlossberg – bilden die einsame Spitze. Sie verbinden die Eigenart ihrer Einzellagen mit der übergeordneten fränkischen Herkunft und bringen diese in kühlen, präzisen und finessenreichen Spätburgundern zum Ausdruck. Der Hundsrück ist dabei ein Pinot von atemberaubender Balance und Finesse: ein großer deutscher Spätburgunder mit Weltklasseformat.

Ähnlich konsequent arbeitet Bernhard Huber in Baden, auch wenn er bei der VDP-Präsentation des Jahrgangs 2024 nur einen Spätburgunder angestellt hat. 

Friedrich Becker aus der Südpfalz sowie die Spitzenbetriebe Rings und Christmann zeigen ebenfalls, wie sich regionale Identität und Lagencharakter miteinander verbinden lassen. 

An der Ahr gelingt dies insbesondere Meyer-Näkel und Jean Stodden. Ihre Weine stehen für eine eigenständige, von der kühlen Herkunft geprägte Stilistik, die sich zugleich in den einzelnen Lagen differenziert.

Sebastian Fürst steht für einen eigenständigen fränkischen Spätburgunder, der Herkunft, Finesse und Präzision auf höchstem Niveau vereint. Bild: Weingut Fürst

Die drei Spitzenweine Hundsrück, Centgrafenberg und Schlossberg von Rudolf Fürst zeigen eindrucksvoll, wie präzise Sebastian Fürst die Eigenständigkeit seiner fränkischen Spitzenlagen in finessenreiche Spätburgunder von Weltklasseformat übersetzt. Bild: Weingut Fürst

Der Bienenberg von Bernhard Huber steht exemplarisch für die Präzision und Eleganz badischer Spitzenburgunder, in denen sich die Eigenständigkeit der Lage mit Tiefe, Struktur und feiner Pinot-Frucht verbindet.

Die Spätburgunder Felsenberg und Saumagen von Rings zeigen, wie präzise mineralische Spannung und der eigenständige Charakter der Pfälzer Herkunft in ausdrucksstarke Burgunder übersetzt werden.

Mit Heydenreich, St. Paul und Kammerberg zeigt Friedrich Becker die Tiefe, Stringenz und beeindruckende Lagenvielfalt des südpfälzischen Spätburgunders – Weine mit markantem Herkunftscharakter und großem Reifepotenzial.


Das Ziel muss sein, künftig nicht mehr nur von deutschem Spätburgunder zu sprechen, sondern selbstverständlich von seinen regionalen und lokalen Identitäten. Denn große Weine entstehen nicht allein aus einer Rebsorte oder der Handschrift eines Winzers – sie erzählen vor allem von dem Ort, an dem sie gewachsen sind.

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